In welchem Jahr leben wir eigentlich?

 
von Andreas Birken

Seit Heribert Illig das Mittelalter um 297 Jahre gekürzt hat, wurde immer wieder scherzhaft die Frage gestellt, ob wir denn statt im Jahre 2004 im Jahre 1707 leben. Aber die Frage hat für jeden, der sich mit Chronologie beschäftigt, einen ernsthaften Aspekt; denn es ist der Tat jetzt schon schwierig auszurechnen, wieviel Zeit z.B. zwischen dem 1. September 1581 und dem 1. September 1583 (nach gregorianischem Kalender) verstrichen ist. Zwei volle (gregorianische) Jahre waren es jedenfalls nicht, weil zwischen dem 4. und 15. Oktober 1582 keine Zeit stattgefunden hat. Genauso schwierig ist es offenbar für die Bürgermeister von Städten, die in der Römerzeit gegründet worden sind, nachzurechnen, wie alt ihre Stadt ist. Hier liegt die Schwierigkeit darin, dass es in Rechnung nach Ären niemals ein Jahr Null gibt, sondern nur einen Zeitpunkt Null. Zwischen dem 1. Januar -1 und dem 1. Januar +1 lag nur ein Jahr nicht zwei. Die Astronomen haben das Problem so gelöst, dass sie das Jahr 1 v. Christus zum Jahr astronomisch Null gemacht haben. Damit sind aber die negativen Jahre immer noch im Spiel und von 60 v. Chr. bis 60 n. Chr. waren es nicht 100 sondern 120 Jahre.

Auch dafür haben die Astronomen eine Lösung gefunden: Durchnummerierung der Tage. Die jeweilige Nummer heißt Julianisches Datum (J.D.). Der Name bezieht sich nicht auf Julius Cäsar, sondern auf Julius Scaliger, den Vater des Astronomen Joseph Justus Scaliger, der die Nummerierung 1581 vorschlug. Ausgangspunkt ist der mittlere Mittag des 1. Januar 4713 v. Chr. Der Beginn zur Mittagszeit wurde gewählt, um im Protokoll nächtlicher Himmelsbeobachtungen keinen Datumssprung zu haben. Dieser Gesichtspunkt ist natürlich inzwischen überholt. Deshalb hat man das bei der Raumfahrt beliebte Modifzierte Julianische Datum (M.J.D.) erfunden, dessen Ausgangspunkt 0 Uhr 0 Weltzeit am 17. November 1858 = 2 400 000.5 J.D. ist. Scaligers Julianische Daten eignen sich gut zur Umrechnung von Tagesdaten beliebiger Ären untereinander und sie beginnt so früh, dass es in der für den Historiker interessanten Zeit keinen Sprung ins Minus gibt.

Für die Zeitenspringer eignet sich eine solche durchlaufend positive Zeitrechnung nicht, selbst wenn sie mit der Erschaffung Adams anfinge, denn selbst an diesem Datum rüttelt Heinsohn, und jedes Mal wenn ein Zeitenspringer ein weiteres Jahrhundert wegputzt, wären alle späteren Daten zu revidieren. In jedem Falle scheint mir aber ein Datierungssystem, das die zeitlichen Abstände zwischen Ereignissen abbildet, sehr wünschenswert. Ich gestehe, dass ich selbst durch einen so grundsoliden Artikel wie Weißgerbers Indica 1/2 [ZS 2/2004] mein Zeitgefühl verliere und nicht mehr weiß, sind wir nun vorher oder nachher.

Selbstverständlich ist es wenig sinnvoll, die letzten 1000 Jahre umzudatieren. Die Daten sind im Prinzip nicht strittig und in Millionen von Büchern abgedruckt. Die Tatsache, dass viele Menschen nicht verstanden haben, dass das 2. Millenium nicht nur 999 Jahre dauerte, wollen wir hier außer Acht lassen.

Da nun das Millenium I in Illigs Ansatz eine zentrale Rolle spielt, als ein von Kaiser Otto III. willkürlich festgesetztem Datum, von dem aus dann Hermann von Reichenau als erster eine Weltchronik verfasste, die durchgehend A.D. datiert war, bietet sich das Jahr 1000 A.D. (oder nach Wunsch n. Chr. oder auch U.Z.) als Ausgangspunkt einer Ära für die Datierung der davor liegenden Zeit an. Die Jahre vor dem Jahr 1000 wären dann auf dieses bezogen und als V.M. zu bezeichnen. wobei „vor M“ sich dann sowohl auf das Wort Millenium oder auf die römische Ziffer für 1000 beziehen kann. Das Jahr 999 A.D. wäre dann das Jahr 1 V.M., das Jahr 1 A.D. das Jahr 999 V.M und umgekehrt das astronomische Jahr -1 = 1000 V.M., wenn da nicht die Phantomzeit von 297 Jahren abzuziehen wäre. Die Zeitspanne zur Gegenwart errechnete sich als das Datum V.M. + 1000 (bzw. für das aktuelle Jahr + 1004). Unter Berücksichtigung der Phantomzeit ergibt sich dann folgende Rechnung: Nach der Phantomzeit ist V.M = 1000 – A.D., vor der Phantomzeit bis zum Jahre 1 A.D. ist V.M. = 703 – A.D.; für die Zeit vor Christi Geburt ist zum Jahresdatum der christlichen Ära 702 zu addieren, um das Jahr V.M. zu bekommen.

Zeittafel

A.D. V.M. Ereignis
983 7 Regierungsantritt Kaiser Ottos III.
987 13 Wahl Hugo Capets zum König des Westfrankenreiches
972 28 Otto II. heiratet die byzantinische Prinzessin Theophano
969 31 Die Fatimiden entreißen den ‚Abbasiden Ägypten
962 38 Kaiserkrönung Ottos I.
955 45 Sieg der Ostfranken über die Ungarn auf dem Lechfeld. Ende der seit 60 Jahren stattfindenden ungarischen Raubzüge
951 49 Otto I. König der Langobarden
936 54 Otto I. König des Ostfrankenreichs
913-959 87-41 Kaiser Konstantin VII. in Byzanz
929 71 Tod des Karolingers Karl III. d. Einfältigen
919 81 Wahl Heinrichs I. zum König des Ostfrankenreiches
622 81 traditionelles Datum der Hidschra Mohammeds bei vollständigem Abzug der Phantomzeit
916-980 84-20 Wikingerkönigreich Dublin
899-945 101-55 Einigung Englands durch die westsächsischen Könige
879-912 121-88 Vereinigung der Warägerfürstentümer durch Oleg
613 90 Perser erobern Arabien
911 89 Die Normannen gründen ein Herzogtum an der Seine
ab 596 ab 107 Christianisierung der Angelsachsen
590-604 113-99 Papst Gregor d. Gr.
584/85 119/118 Iberische Halbinsel vollständig westgotisch
ab 568 ab 135 Eroberung Italiens durch die Langobarden
565-602 138-101 Awarenreich in Dakien und Pannonien unter Kagan Bajan
vor 860 vor 140 Waräger in Kiew
562 141 Die Awaren erreichen die Donau
558-561 145-142 wiedervereinigtes Frankreich unter Chlothar I.
529 174 Benedikt von Nursia gründet das Kloster Monte Cassino
527-565 176-138 Kaiser Justinian I.
493-526 210-177 Theoderich d. Gr. König der Ostgoten
482-511 221-192 Der Merowinger Chlodwig begründet das Frankenreich
5. Jh. 3. Jh. Angelsachsen dringen in England ein. Christianisierung Irlands
476 227 Ende des weströmischen Reiches
466-484 237-219 Der Westgotenkönig Eurich begründet das tolosanische Reich, das bis zum Ebrotal reicht.
453 250 Tod des Hunnenkönigs Attila
429-534 274-169 Vandalenreich in Afrika
nach 400 nach 300 Römer räumen Britannien
395 308 Teilung des römischen Reiches in einen Ost- und einen Westteil
375 328 Die Hunnen vertreiben die Ostgoten vom Don
355-363 348-340 Kaiser Julian Apostata
325 378 Konzil von Nicäa gegen die arianische Häresie
325 378 Datum der Hidschra ohne Abzug der Phantomzeit
306-324 397-379 Kaiser Konstantin d. Gr.
284-305 419-398 Kaiser Diokletian. Beginn der Spätantike
260 443 Die Alemannen zerstören den Limes
233 470 Alemannen überschreiten den Rhein
226 477 Gründung des Sassanidenreiches
224 479 Ende des Partherreiches
117-138 586-565 Kaiser Hadrian
98-117 605-586 Kaiser Trajan
81-96 622-607 Kaiser Domitian, Bau des obergermanisch-rätischen Limes
54-68 649-635 Kaiser Nero
ab 43 ab 660 Römer erobern Britannien
30 673 Kreuzigung Jesu in Jerusalem
14 698 Tod des Kaisers Augustus
1 n. Chr. 702 Beginn der christlichen Ära
1 v. Chr. 703 Jahr -1 der Astronomen
8 710 Augustus reformiert den julianischen Kalender
12 714 August wird Pontifex Maximus
27 729 Octavian wird Augustus
42 744 Cäsar wird zum Gott erhoben
44 746 Ermordung Cäsars
46 748 Einführung des julianischen Kalenders
47 749 Cäsar erobert Pontos und Ägypten. Ende der Ptolemäer
48 750 Cäsar erstmals Diktator
58-51 760-753 Cäsar erobert Gallien
63 765 Cäsar Pontifex Maximus. Der jüdische Hasmonäarstaat wird römisch. Syrien römische Provinz
64 766 Ende der Seleukiden
ab 91 ab 793 Die italischen Bundesgenossen bekommen römisches Bürgerrecht
100 802 Geburt des Gajus Julius Caesar
129 831 römische Provinz Asia
145 847 Griechenland vollständig unter römischer Herrschaft
146 848 Zerstörung Karthagos. Römische Provinz Africa
148 850 Makedonien römische Provinz
um 239 um 941 Gründung des Partherreiches
270 972 Die letzte Griechenstadt Süditaliens wird römischer Bundesgenosse
323 1025 Tod Alexanders d. Gr.
338 1040 Gründung des Italischen Bundes unter Führung Roms

Im Prinzip könnten nun alle Daten hier „angedockt“ werden. Allerdings gibt es für die hellenistische Zeit Kürzungsvorschläge, die noch etwas diffus sind. Solche Kürzungen würden das Todesdatum Alexanders mindern. Auch besteht noch keine Einigung darüber, ob und wie stark die ersten Jahrhunderte der islamischen Geschichte zu kürzen sind. Beides müsste aber geklärt sein, bevor die Daten der alten Geschichte angeschlossen werden können. Solange diese Klärung aussteht, ist es auch nicht möglich, die an sich nachrechenbaren astronomischen Daten mit den altorientalischen Quellen in Beziehung zu setzen.

In jedem Falle macht die Tabelle sichtbar, wie zeitlich nahe die im 10. Jahrhundert entstehende mittelalterliche Staatenwelt der Spätantike war und über welch vergleichsweise langen Zeitraum sich das Reich der Römer erstreckte, dessen Denken in Recht und Philosophie des Mittelalters weiterlebte und -wirkte.

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Die Phantomzeitthese

 
von Fabian Fritzsche

Im Jahre 1991 stellte Heribert Illig zum ersten Mal die These auf, im frühen Mittelalter gäbe es eine Leerzeit [Illig 1991a], eine Phantomzeit, die nicht durch Funde belegt ist und somit aus der realen Geschichte zu streichen sei. In der Folgezeit präzisierte er seine These und legte sich als Arbeitshypothese auf den Zeitraum von August 614 bis September 911 fest [Illig 1992a]. Dieser zentrale Zeitraum umfasst neben einem Teil der Merowingerherrschaft über das Frankenreich fast die gesamte Karolingerzeit einschließlich des Leuchtturms Europas: „Karl der Große“.

Diese Phantomzeit unterscheidet sich von anderen „Dark Ages“ qualitativ. Während die u.a. von Velikovsky entdeckten Leerzeiten in Ägypten und die von Heinsohn erkannten in Mesopotamien und andernorts erst durch neuzeitliche Forscher verursacht wurden und lediglich auf falsche Synchronismen zurückzuführen sind, ist die frühmittelalterliche Phantomzeit auf aktive Handlungen von Personen im Mittelalter selbst zurückzuführen. Sie ist entstanden durch eine Manipulation der Zeitrechung. Als mögliche Täter wurden der byzantinische Kaiser Konstantin VII. (906-959) [Illig 1991b und 1992 b] oder der abendländische Kaiser Otto III. (980-1002) in Verbindung mit seinem Freund und Lehrer Papst Silvester II gesehen [Illig 1991c]. Auch der Islam wurde schon verdächtigt [Bueaofort 2002], ohne aber bessere Belege bringen zu können als für die beiden zuvor genannten Täterkreise [Illig 2003].

Nachdem 1991 drei kurze Artikel in Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart die These einem kleinen Kreis vorstellten, erschien 1992 das noch recht dünne Buch „Karl der Fiktive, genannt Karl der Große“. Doch erst durch das Erscheinen von „Das erfundene Mittelalter“ 1996 erreichte die These Aufmerksamkeit in weiten Kreisen. Begleitend gab es Artikel zu diesem Thema in jedem Heft von Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart bzw. Zeitensprünge seit 1991. Außerdem sind mittlerweile mehrere Bücher dazu erschienen, welche die These vertiefen und Spezialprobleme behandeln.

Ausgangspunkt – aber nicht Basis – der Überlegung war die Kalenderreform von 1582. Um den Fehler zu korrigieren, der seit der Einführung des julianischen Kalenders aufgelaufen war, hätten 13 Tage übersprungen werden müssen. Doch es wurden nur 10 Tage ausgelassen, die restlichen 3 Tage aber entsprechen einem aufgelaufenen Fehler von 256 bis 384 Jahren. Gegner der Phantomzeitthese behaupten, dass lediglich der seit dem Konzil von Nicäa 325 n.Chr. aufgelaufene Fehler korrigiert werden sollte. Tatsächlich kommt man rein rechnerisch bei lediglich 10 Korrekturtagen auf das 4. Jahrhundert. Allerdings wird das Argument dadurch nicht entkräftet. Denn bekanntermaßen fällt der Frühlingsanfang seit der gregorianischen Kalenderreform auf den 21. März und damit der Herbstanfang auf den 23. September. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wissen wir aber, dass der erste römische Kaiser Augustus nicht nur am 23. September Geburtstag hatte, sondern dass dies auch der Tag der Herbstäquinoktie war – genau wie heute. Aufgrund des Fehlers des julianischen Kalenders kann aber nun nicht im Jahre 325 die Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche ebenfalls auf dieses Datum gefallen sein. Wenn also 1582 durch das Überspringen von 10 Tagen die gleiche astronomische Situation hergestellt wurde wie zur Zeitenwende, bedeutet dies, dass nicht ca. 1600 Jahre, sondern eben lediglich ca. 1300 Jahre seitdem vergangen sind.

Auf der Suche nach einer möglichen Leerzeit zwischen Einführung des julianischen Kalenders und gregorianischer Kalenderreform stieß H. Illig dann schnell auf das frühe Mittelalter [Illig 1992a]. Diese Epoche, die grob die Jahre 500 bis 1000 n.Chr. umfasst, wird von den Historikern sowieso als „dark age“ bezeichnet [Illig/Niemitz 1991]. Im Gegensatz zur Zeit davor, also der römischen Kaiserzeit, und der Zeit danach, dem Hochmittelalter, ist unser Wissen über diese Zeit aufgrund der raren Quellen und seltenen Funde überaus mager. Eine weitere Stütze der These stellen außerdem die von der Wissenschaft deklarierten „antizipatorischen Fälschungen“ dar [Niemitz 1991]. Im frühen Mittelalter sollen demnach zahlreiche Fälschungen entstanden sein, die aber dann erst Jahrhunderte später Wirkung gezeigt hätten. Die Fälscher hätten also gar nicht die Absicht gehabt, sofort Nutzen aus ihrer Arbeit zu ziehen. Vielmehr hätten sie zielsicher Jahrhunderte voraus geblickt. In späterer Zeit hätte man diese „prophetischen“ Urkunden dann gefunden und ihren Nutzen erkannt. Doch im Gegensatz zur konventionellen Forschung glaubten H. Illig und H.-U. Niemitz nicht an hellseherische Fälscher, sondern sahen die Ursache vielmehr in einer falschen Chronologie, die Ursache und Wirkung künstlich auseinander zieht.

Wichtigstes Kriterium, eine Phantomzeit festzustellen, bildet aber die Fundsituation. G. Heinsohn propagiert schon lange eine evidenzorientierte Forschung, die sich mit Vorrang an archäologischen Funden und nicht an Schriftquellen orientiert. Menschen hinterlassen dort, wo sie leben Spuren, von denen einige die Jahrhunderte oder auch Jahrtausende überdauern können. Finden sich für eine Epoche keinerlei Funde, obwohl in den Schriften von dieser Zeit die Rede ist, so muss die gesamte Epoche zur Disposition gestellt werden. Denn bekanntermaßen ist Papier geduldig und auch Schriftstücke lassen sich sehr leicht fälschen, wie tausende von anerkannterweise gefälschten Urkunden aus dem Mittelalter belegen. Kirchen, Klöster und andere Bauten und Artefakte lassen sich dagegen nur bedingt fälschen (z.B. durch eine nachträgliche Inschrift oder eben durch gefälschte Urkunden).

Seit der erstmaligen Formulierung der These wurde bislang erfolglos versucht, für verschiedene Orte und Regionen Funde in der fraglichen Zeit wirklich eindeutig zu belegen. Immer wieder zeigte sich, dass der Phantomzeit zugeordnete Funde auch genauso in der Zeit kurz davor oder kurz danach datiert werden können und oftmals auch wurden. Eine Datierung in die Phantomzeit bzw. eine spätere Verlagerung in diese Zeit entspricht wohl eher dem Bedürfnis, die fundleere Zeit mit Artefakten zu füllen. Die wohl umfassendste Studie haben Illig und Anwander 2002 für Bayern vorgelegt. Auch wenn diese Arbeit pars-pro-toto für ganz Europa stehen kann, bleiben noch Problemfelder übrig. So ist die chronologische Stellung es Islam bislang noch nicht abschließend geklärt, die mit Europa synchronisierten außer-europäischen Kulturen wurden erst partiell berücksichtigt.

Das aktuell letzte Werk in der Reihe „Edition frühes Mittelalter“ stammt von K. Weissgerber und behandelt die Landnahme der Ungarn im Karpartenbecken. Neben den archäologischen Belegen sprechen hier sogar die Schriftquellen eindeutig für die These. So datieren zeitgenössische Quellen die Landnahme einmal ins Jahr 600 n.Chr., ein andern mal ins Jahr 898 n.Chr., was also einer Differenz von 298 Jahren entspricht. Die konventionelle Forschung kann dies nur durch die Dummheit der frühmittelalterlichen Geschichtsschreiber erklären – oder ignoriert das Problem einfach. Mit der Phantomzeitthese dagegen kann die Diskrepanz problemlos erklärt werden.

Wie bei der ungarischen Landnahme wirkt sich die These aber auch auf vielen weiteren Gebieten sehr fruchtbar aus. So kann der Streit zwischen den Historikern, die eine Kontinuität in der Städten zwischen Antike und Mittelalter annehmen und denen die einer Diskontinuität den Vorrang geben geschlichtet werden [Niemitz 1992]. Die 297 Jahre konventioneller Zeitrechnung bleiben fundleer, was bisher für Diskontinuität sprach. Andererseits gibt es auch eindeutige Zeichen für Kontinuität. Berücksichtigt man die Phamtomzeit, haben beide Gruppen Recht.

Literatur

Beaufort, J. (2002): Dreißig Fragen zur Phantomzeittheorie, in: http://www.fantomzeit.de/?page_id=61
Illig, H. (1991a): Die christliche Zeitrechnung ist zu lang, in: ZS 1
Illig, H. (1991b): Fälschung im Namen Konstantins, in: ZS 2
Illig, H. (1991c): Väter einer neuen Zeitrechnung: Otto III. und Silvester II., in ZS 3/4
Illig, H., Niemitz, H.-U.: Hat das dunkle Mittelalter nie existiert?, in ZS 1
Illig, H. (1992a): 614/911 – der direkte Übergang vom 7. ins 10. Jahrhundert, in: ZS 4/5
Illig, H. (1992b): Vom Erzfälscher Konstantin VII. Eine ‚beglaubigte‘ Fälschungsaktion und ihre Folgen, in: ZS 4/5
Illig, H. (1992): Karl der Fiktive, genannt Karl der Große, Gräfeling
Illig, H. (1996): Das erfundene Mittelalter, Düsseldorf
Illig, H. (2003): Zum Zeitsprung bei Christen und Moslems, in: ZS 3
Illig, H., Anwander, G. (2002): Bayern und die Phantomzeit, 2 Bände, Gräfeling
Niemitz, H.-U. (1991): Fälschungen im Mittelalter, in ZS 1
Niemitz, H.-U. (1992): Archäologie und Kontinuität. Gab es Städte zwischen Spätantike und Mittelalter?, in: ZS 3
Weissgerber, K. (2003): Ungarns eigentliche Frühgeschichte. Arpad eroberte schon um 600 das Kapartenbecken, Gräfeling

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Chronologie-Rekonstruktion

 
von Andreas Otte

Diese Arbeit behandelt das grundlegende Thema dieser Webseiten und versucht ein paar wichtige Fragen zumindest ansatzweise zu klären. Was ist kritikwürdig an der aktuellen Chronologie? Warum Chronologie-Rekonstruktion? Welche Methoden zur Erstellung einer Chronologie gibt es? Welche davon führen möglicherweise zum Ziel?

Einleitung

Wenn jemand etwas rekonstruieren will, dann impliziert das eigentlich, dass etwas zur Zeit nicht in Ordnung, defekt, verschollen, nicht genau erkennbar ist. Aber unsere Chronologie? Jeder kann sich noch, oftmals mit Grausen, an den Schulgeschichtsuntericht erinnern. Dort wurden teilweise noch bis ins 3. vorchristliche Jahrtausend jahrgenaue Angaben gemacht und das so, als ob diese Angaben völlig sicher seien. Aber sind sie das wirklich? Begeben wir uns auf eine kleine Reise durch die Zeit und greifen uns einige interessante Stellen heraus.

Mesopotamien

Die aktuelle Chronologie Mesopotamiens kennt in der vorhellinistischen Zeit (ab -330) 12 Kulturperioden:

  1. Perser bzw. Marder/Amarder
  2. Chaldäer und Meder
  3. Ninos-Assyrer
  4. Frühchaldäer
  5. Mittelassyrische Amoriter
  6. Kassiten und Mitanni
  7. Altassyrer
  8. Ninevite-5-Keramik
  9. Altbabylonische Martu/Amoriter
  10. Neo-Sumerer und Elamer
  11. Altakkader
  12. Frühsumerer

Die ersten 4 Kulturperioden (datiert ins -1. Jahrtausend) kennen wir aus griechischen Berichten. Die nächsten 4 Schichten (datiert ins -2. Jahrtausend) werden über die ägyptische Chronologie datiert, die restlichen 4 Perioden (datiert ins -3. und frühe -2. Jahrtausend) werden über Hammurabi durch die Bibel datiert.

Neben dieser rein historischen Datierung finden sich im Mesopotamien auch zahlreiche interessante Ausgrabungsstätten. Nirgendwo aber hat man bisher alle 12 Perioden an einem Ort ergraben, eigentlich nie mehr als vier (Subschichten nicht betrachtet). Das hat inzwischen zu einer interessanten Situation geführt: Den vier von den Griechen beschriebenen Kulturperioden wird zum grossen Teil die Existenz abgesprochen. Das Imperium der Perser kann es nicht gegeben haben, denn es fehlen jegliche archäologische Hinweise auf die beschriebenen grossartigen Bauten. Das ist nur konsequent, leidet aber daran, dass die Zuordnung der archäologischen Funde (die man an diesen Orten ja tatsächlich und in grossem Umfang gemacht hat) zu den früheren Kulturen auf rein historischen Argumenten beruht und nicht auf archäologischer Evidenz.

Es wird z.B. folgendermaßen argumentiert: In Assyrien hat man Texte gefunden, in denen ein Sargon die Eroberung Samarias beschreibt. Dieser Fund fand sich in direkter vorhellenistischer Schichtenlage. Auch in der Bibel wird über dieses Ereignis berichtet, für das man das Jahr -721 errechnet hat. Ebenso fand man in direkter vorhellenistischer Schichtenlage Texte eines Nebukadnezars, der biblisch auf -587 datiert wird (Eroberung Jerusalems). Damit bleibt natürlich archäologisch kein Platz für die Perser und ihr Reich.

Ähnliches geschieht auch mit den anderen von den Griechen beschriebenen Imperien. Der erste Großkönig der Bibel, genannt Nimrod, Gründer der Stadt Ninive, wird biblisch über Abraham ins späte -3. Jahrtausend datiert. Er nimmt damit (auch archäologisch) die Stelle des von den Griechen wesentlich später datierten Großkönigs und Ninive-Gründers Ninos ein. Dieser König und sein Reich lassen sich dann natürlich nicht mehr nachweisen. Auch Hammurabi erhält sein Datum im frühen -2. Jahrtausend über den biblischen Abraham.

Die Archäologie akzeptiert hier einfach bibelfundamentalistische Daten und hinterfragt diese nicht, wie es eigentlich ihre Aufgabe wäre. Die archäologische Evidenz besagt nämlich etwas anderes. Gunnar Heinsohn hat die Regeln der Evidenzarchäologie wie folgt definiert:

Liegen zwei Ausgrabungsschichten ohne Hiatus übereinander, dann besteht eine unterbrechungslose historische Verbindung von der unteren zur oberen.
1. Gesetz einer archäologisch fundierten Geschichtsschreibung

Wenn zwei Ruinenstätten über Schichten aus derselben Zeit verfügen, gehören auch die hiatusfrei darunter und darüber anschließenden Schichten gemeinsam in eine Epoche.
2. Gesetz einer archäologisch fundierten Geschichtsschreibung

Betrachten wir nun Ausgrabungen einiger babylonischer oder babylonisch beeinflußter Städte bzw. Tells, z.B. Bismaya, Girsu (Telloh), Der, Mari, Maschkan Schapir, al-Ubaid und Hazor. Die reichsten Funde liegen direkt unterhalb der hellenistischen (bzw. parthischen) Schicht, wobei diese Schicht in die hellenistische Schicht fließend übergeht, Wehschichten (die für eine Besiedlungslücke sprechen würden) also fehlen. Trotzdem werden diese Schichten dem über Abraham ins -2. Jahrtausend datierten Hammurabi zugeordnet, die dazwischenliegende Perserzeit geht leer aus. Die Hammurabi-Zuordnung ist vermutlich korrekt, die konventionelle Datierung Hammurabis ist jedoch archäologisch widerlegt, denn wenn die Hammurabi-Schicht direkt in die hellinistische Schicht ohne Wehschicht übergeht, dann können keine 1500 Jahre zwischen diesen beiden Schichten liegen, sie müssen direkt aufe
inanderfolgen. Und damit bekommen auch die Perser ihre Schichten wieder, fragt sich nur wer Hammurabi war. Aber auch für diese Frage gibt es eine Antwort. Hammurabi war Perser und es gibt einen der ebenfalls Gesetze in Stein meisseln ließ. Ebenso liegen die Schichten der Mittelassyrer direkt unter der hellenistischen Schicht (z.B. Hamadiyah). Auch die Schichten der sargonidischen Assyrer liegen direkt unter dem Hellenismus (z.B. in Nimrud und Hama).

Schichten der Mitanni liegen unter den mittelassyrischen Schichten. Nach konventioneller Datierung müssten sie über altbabylonischen Schichten liegen. Diese liegen aber direkt unter oder gleichauf mit hellenistischen. Dieses Durcheinander resultiert aus der Tatsache, dass die Mitanni ihr Datum über die Amarna-Korrespondenz aus Ägypten erhalten haben, wärend die babylonischen über Hammurabi und damit Abraham bzw. die Bibel datiert wurden. Stratigraphisch sind die Mitanni die Vorgänger der Perser, bei den Griechen Meder genannt.

Direkt unter den Mitanni bzw. ihrer Periode liegen in Syrien, Palästina und Ägypten die Schichten der Hyksos (Fremdherrscher in Ägypten), eines Volkes, dessen Identität mehr als nur umstritten ist. In Mesopotamien findet man unter den Mitanni-Schichten (Billa, Brak, Chagar Bazar, Hamadiyah, Munbaqa, Nuzi, etc.) die Schichten der Altakkader. Die konventionelle Chronologie läßt zwischen beiden eine Lücke von 700 Jahren, ohne dass diese Lücke archäologisch nachweisbar wäre. Diese Lücke ist wiederum den unterschiedlichen Datierungssystemen (biblisch bzw. ägyptisch) geschuldet. Archäologisch betrachtet sind die Altakkader die direkten Vorgänger der Meder bzw. Mitanni, die in der griechichen Überlieferung als ersten großes Reich der Weltgeschichte erinnert werden. Daraus ergibt sich Ninos=Naramsin=Nimrod und die Hyksos sind niemand anderes als die Altakkader.

Die Schichten der Sumerer (Ur III) in Südmesopotamien liegen direkt über denen der Altakkader wie dieses die Schichten der Mitanni in Nordmesopotamien tun, sie werden damit zu deren Zeitgenossen. Nach der griechischen Überlieferung sind die Zeitgenossen der Mitanni in Südmesoptamien die Chaldäer, die numehr als Sumerer identifiziert werden können.

In der herrschenden Lehre werden also offensichtlich drei unterschiedliche Datierungssysteme auf Schichten angewendet, die in unterschiedlichen Ruinenstätten auf der selben stratigraphischen Tiefe liegen. Dadurch vervielfachen sich die Epochen und gehen einige dieser Epochen dann anschließend archäologisch leer aus. Stratigraphisch ergibt sich stattdessen:

  1. Perser bzw. Marder/Amarder Kyros des Gr. = Mittelassyrische Amoriter = Altbabylonische Martu
  2. Chaldäer und Meder = Mitanni/Kassiten = Neo-Sumerer
  3. Ninos-Assyrer = Hyksos = Altakkader = Altassyrer

Und so lösen sich viele weitere Merkürdigkeiten, rätselhafte Wiederbelebungen von Kulturen, Verdoppelungen von Lebensviten, usw. Brisant ist zudem, dass Abraham inzwischen seine Geschichtlichkeit und damit auch sein Datum verloren hat, dieses jedoch chronologisch ohne Folgen geblieben ist. Weitere Details finden sich in [Heinsohn 1996].

Ägypten

Ägypten behauptet von sich, eine der ältesten Hochkulturen zu sein. Herodot berichtet, dass ägyptische Priester behaupteten, zwischen ihnen und dem ersten ägyptischen König lägen 341 Menschenalter, die mit elftausenddreihundertvierzig Jahren gleichgesetzt wurden. Fragmentarisch und in widersprüchlichen Abschriften ist uns außerdem das Werk des Priesters und Tempelschreibers Manetho erhalten, der um -280 nach konventioneller Chronologie alle Pharaonen ab dem Reichsgründer Menes zu 30 Dynastien und 3 Reichen zusammenfasste und kommentierte. Diese Liste ergibt je nach Überlieferung aus dritter bis fünfter Hand nur eine Dauer von 4500 – 5500 Jahren. Diese Angaben wirken aber immer noch gestreckt, da offensichtlich Regierungszeiten künstlich verlängert wurden, um Menes mit dem biblischen Adam zeitlich gleichzusetzen.

Königsnamen finden sich auch auf zahlreichen Monumenten in Ägypten, eine gewisse Schnittmenge mit Königsnamen auf sogenannten Manetho-Listen existiert. Aber die Übereinstimmung ist nur teilweise. Für unbedeutende Dynastien werden bei Manetho erstaunlich viele Namen überliefert, andere genügen nicht einmal der Definition einer Dynastie. Trotzdem hat sich ein Wissenschaftszweig herausgebildet, der versucht, über diese Listen die ägyptische Geschichte zu datieren.

Eine zweite, in der Ägyptologie verwendete Datierungsmethode, ist die Sothis-Datierung. Diese basiert auf römischen Angaben über den ägyptischen Kalender, der von 365 Tagen im Jahr ohne Schalttag ausgeht und einen Jahresbeginn zum 1. Tag des Monats Thot vorsieht, wenn der Stern Sirius aufgeht. Durch den fehlenden Schalttag verschiebt sich der kalendarische Jahresanfang des ägyptischen Jahres aber alle 4 Jahre um ca. 1 Tag um nach etwa 1460 Jahren wieder am „richtigen“ Tag zu landen. Aus den römischen Angaben wissen wir auch das im Jahre 139 AD eine solche Sothisperiode begonnen haben soll.

Aus diesen Angaben wurde geschlossen, dass erstens die Ägypter schon immer in Sothisperioden gerechnet und das zweitens diese Rechnung exakt zu Beginn einer solchen 1460 Jahre Periode begonnen haben müsse. Es ergeben sich zwanglos -1321, -2781, -4241 oder -5701 als mögliche Zeitpunkte für die Einführung der Sothisrechnung. Diese Angaben wurden später geringfügig korrigiert, da aufgrund astronomischer Erkenntnisse (Eigenbewegung des Sirius, Präzession ) und des unbekannten Beobachtungspunktes des Siriusaufganges Platz für Interpretationen des Datums gegeben ist.

In diese, durch die Sothisrechnung aufgespannte Zeitrechnung wurden nun die Manetho-Pharaonen einsortiert. Das ist nicht unproblematisch, da es kaum (ca. 5) Sothisdatierungen gibt und die meisten, wenn nicht alle, keiner genauen Betrachtung standhalten. Insbesondere der Payrus Ebers, auf dem früher die meisten Rechnungen beruhten, geht von einem 360 Tage Jahr aus, welches die Sothis-Rechnung komplett über den Haufen wirft. Trotzdem ist aus diesen dürftigen Daten eine Ärarechnung für die gesamte ägyptische Geschicht erzeugt worden. Andere aus der ägyptischen Geschichte bekannte Äraangaben haben dagegen nicht dazu geführt, dass gleich ein jahrtausende lang gültiger Kalender postuliert wurde.

Über die Sothis-Datierung der Armarna-Korrespondez haben damals die Mitanni in Mesopotamien ihre absolute Datierung erhalten. Inzwischen wurden aber die Sothis-Daten, die zu dieser Datierung geführt haben, stillschweigend unter den Teppich gekehrt, da sie einer genaueren Betrachtung nicht standhielten. In dieser Situation erinnerte sich die Ägyptologie der assyrischen Chronologie und datierte (nun in der umgekehrten Richtung) die ägyptischen Pharaonen über die Armana-Korrespondenz mit den „absolut“ datierten Assyrern. Ganz überraschend passten diese Daten gut zusammen, was befriedigt zur Kenntnis genommen wurde. Dass vorher die Assyrer über die ägyptische Sothis-Datierung absolut datiert wurden, wird natürlich nicht erwähnt. Es ergibt sich ein in sich stimmiges Gebäude, welches aber völlig frei in der Luft schwebt.

Auch hier läßt sich wieder beobachten, dass sich die Archäologie der vorgegebenen Chronologie beugt. Wie auch in Mesopotamien reicht die Fundlage bei weitem nicht aus für die veranschlagten Zeiträume. Die konventionelle Chronologie führt zu Leerräumen, Ungereimtheiten und Widersprüchen. Egal ob man Gewölbebau, Glasherstellung, Pyramidenbau, Schiffbau, Landwirtschaft, etc. betrachtet, immer ergibt sich eine Entwicklungslinie, die typologisch und entwicklungsgeschichtlich widersinnig ist. Statt die Chronologie in Frage zu stellen, werden die unmöglichsten Erklärungsversuche ersonnen. Weitere Details zu dieser Situation finden sich in [Heinsohn, Illig 2001].

Griechenland

Die auf Luft gebaute ägyptische Chronologie hatte in Griechenland verheerende Auswirkungen. Durch Querdatierungen, d.h. ägyptische Funde in Griechenland, die Rückschlüsse auf Pharaonen und damit auf absolute Sothisdaten zuliessen, wurden die griechischen Schichten absolut datiert. Das führte dazu, dass mykenische und minoische Schichten ins -2. Jahrtausend datiert wurden, direkt und ohne Wehschicht darüber liegende archaische Schichten aber ins -1. Jahrtausend. Die dazwischen liegende Zeit von ca. 400 Jahren macht nun erhebliche Probleme. Einerseits fehlen Funde für diese Jahrhunderte. Also muss man annnehmen, dass die Bevölkerung nahezu vollständig ausgerottet wurde, kein Steinbau mehr möglich war und eine vollständige Verarmung vorlag. Andererseits gibt es eine klare Kult- und Fertigkeits-Kontinuität über diese dunklen Jahrhunderte hinweg. Man muss sich fr
agen, wie ein solcher Transfer ohne Menschen möglich gewesen ist, und welcher Bautrupp die Wehschicht nach 400 Jahren wieder rückstandslos entfernt hat.

Klassisches Beispiel ist auch der Fall Troias, der konventionell auf ca. -1200 datiert wird. Erst um -730 soll Homer diese Geschichte besungen haben und dass in einer so lebendigen Form, dass man fast glauben kann, er wäre dabei gewesen. Wie hat Homer diese fast 500 Jahre alten Erinnerungen anzapfen können, wenn es in dieser Zeit in Griechenland keine Menschen und keine Schriften gegeben hat? Wenn es die dunklen Jahrhunderte nicht gegeben hat, die nur der ägyptischen Chronologie geschuldet sind, dann klärt sich die Fundarmut, dann klärt sich die Kultkontinuität und alles weitere. Weitere Details zu dieser Situation finden sich in [Heinsohn, Illig 2001].

Aber auch die Olympiadenzählung ab -776 scheint nicht so festgefügt, wie es uns die griechischen Überlieferungen glauben machen wollen. Archäologische Funde in Olympia zeigen, dass die Spiele erst etwa zeitgleich mit den anderen Spielen, also etwa ab -580 begonnen haben. Hier wurde die Historie in der Überlieferung künstlich verlängert. Details hierzu finden sich bei [Peiser 1993].

Italien

Historische Kenntnisse aus der Frühzeit Roms stammen überwiegend aus den Berichten des Titus Livius (ab urbe condita). Dieses Werk beschreibt, in den uns erhalten gebliebenen Teilen, die Königszeit sowie die frühe Republik. Livius selbst verwendet die Zeitrechnung a.u.c. nur selten, nämlich zur Kennzeichnung der Epochen der römischen Geschichte. Die römische Geschichte wirkt merkwürdig verdoppelt, nahezu jede Eroberung wird im -1. Jahrhundert wiederholt, ungeachtet aller vorherigen Kriege.

Andererseits zieht sich das „Siechtum“ der Etrusker und anderer italienischer Völkerstämme über Jahrhunderte hin. Selbst in unmittelbarer Nähe Roms, welches zu Beginn des -1. Jahrhunderts nach eigenen Berichten bereits unumschränkter Herrscher des Appenin sein soll, können Kulturen weiterexistieren, so als ob es eine alles überstrahlende Macht in dieser Region nicht gibt. Gut belegbar ist dieses an Pompeji, dessen samnitische/oskische Kultur selbst noch bis zur Zeitenwende gut nachweisbar ist.

Nach römischen Berichten kämpfte man schon früh in Nordafrika und Ägypten um die wichtigen Kornkammern. Warum aber Norditalien als Narungsmittellieferant ignoriert wurde, bleibt unverständlich.

Archäologische Funde aus der Frühzeit Roms sind kaum auffindbar. Dieses gilt genauso für die Etrusker. Auch deren Geschichte, besonders deren Niedergang wird gestreckt. Römische Geschichte wird in sich stimmiger, wenn man ca. 200 Jahre streicht. Das gilt im übrigen auch für mit den Römern verbundene Kulturen dieses Zeitabschnittes, also z.B. Vorderasien und Griechenland. Im jüdischen Kulturkreis schweigen die Quellen während dieser Zeit ebenfalls.

Details finden sich bei [Illig 1994,1995] und [Albrecht 1995].

Das frühe Mittelalter

Auch die normale Geschichtswissenschaft bezeichnet den Zeitabschnitt zwischen 500 und 1000 als ein „dunkles Zeitalter“. Dieser Zeitraum ist gekennzeichnet durch:

  • Ein Versiegen von Schriftquellen und Literatur
  • Ein Stillstand der Bautätigkeit
  • Ein Fehlen archäologischer Funde
  • Eine totale Verarmung der Bevölkerung

Ein Lichtstrahl in dieser Zeit, zumindest in Westeuropa, ist Karl der Große. Aber sofort danach versinkt dieses Zeitalter wieder in der Dunkelheit. Wahrhaft unglaubliches wird uns von Karl dem Großen und seiner Zeit berichtet. Er war Jurist, Ethonologe, Germanist, Gelehrter, Kunstliebhaber und Theologe. Er war ein guter Schwimmer und Reiter, reiste unendwegt durch sein Reich, eine Strecke, die je nach Berechnung zwei bis vier mal um den Äquator reicht. Selbstverständlich konnte er lesen und schreiben, lateinisch und deutsch. Er hatte mit zehn Frauen (mit vier verheiratet) achzehn Kinder. Deren Namen sind uns allerdings nicht alle überliefert. Die Zeit der Herrschaft Karls ist eine Zeit des Aufschwungs und der Blüte. Fast die ganze Zeit wurde aber auch Krieg geführt. Karl der Große und seine Zeit wirken wie ein Kunstprodukt.

Ein anderes Phänomen des frühen Mittelalters (aber nicht exklusiv) sind die sogenannten antizipatorischen Fälschungen. Das sind inzwischen als Fälschungen erkannte Urkunden, die zu ihrem angeblichen Entstehungszeitpunkt zunächst keine Wirkung entfalteten, im Prinzip also auf eine spätere Zeit zugeschnitten waren, Fälschung auf Vorrat sozusagen. Das klingt unsinnig, und das ist es auch. Dieses gilt oftmals auch für heute noch nicht als Fälschungen erkannte Urkunden (deren Anzahl allerdings stetig schmilzt). Besitzurkunden vor dem 12. Jahrhundert sind ebenfalls antizipatorisch, denn vor dem Wormser Konkordat von 1122 waren sie rechtlich gesehen sinnlos. Nach 1122 wurden dann plötzlich viele, mehrere hundert Jahre alte Besitzurkunden in Klöstern und Schreibstuben „gefunden“.

Die Berichte, die aus dem und über das frühe Mittelalter vorliegen, haben dazu geführt, dass der Beginn der Verschriftlichung in diese Zeit zurückverlegt wurde und ebenso zahlreiche Technologien in diese Zeit zurückdatiert wurden. Das führt nun dazu, dass Techniken, kunsthistorische Stile und Kultur nach dem frühen Mittelalter mühsam neu erlernt werden mussten, da sie offensichtlich zunächst wieder verloren gegangen sind.

Aus archäologischer Sicht ist das frühe Mittelalter eine Zeit ohne Handel, ohne Wirtschaft, ohne Häuser, eigentlich eine Zeit ohne Leben. Sie existiert nur auf dem Papier.

Eine Streichung eines Zeitabschnittes im frühen Mittelalter, so erschreckend dieses auch sein mag, glaubte man sich doch spätestens seit der Römerzeit auf chronologisch sicherem Boden, macht Sinn und stellt auch hier wieder Technik- und Kultkontiunität her. Details zu dieser These finden sich in [Illig 1996], in der Phantomzeitthese und zahllosen weiteren Büchern und Zeitschriftenartikeln.

Chronologie-Kritik

Wenn man diese Merkwürdigkeiten betrachtet, dann kann es einen nicht verwundern, dass unsere konventionelle Chronologie Kritik auf sich gezogen hat. Und dabei ist dieses nur ein Ausschnitt der Probleme.

Wie ist das Grundgerüst unserer heutigen Chronologie entstanden? Festgeschrieben wurde unsere Chronologie im wesentlichen mit den Werken De emendatione temporum (1583) und Thesaurus temporum (1606) von Joseph Justus Scaliger (1540 -1609), d.h. erst im 16./17. Jahrhundert, im wesentlichen nach der Kalenderreform von Papst Gregor (1582). Davor liegende Geschichtswerke gehen zurück bis ins 10. Jahrhundert, jedoch ist die Authentizität dieser Werke in vielen Fällen mehr als fraglich.

Seitdem ist dieses chronologische Grundgerüst mehr oder minder unverändert geblieben und es kann nur seltsam anmuten, dass Scaliger gleich alles richtig gemacht hat, ganz ohne Quellenkritik, Archäologie, naturwissenschaftliche Methoden, etc.

Die konventionelle Chronologie gilt als Dogma der Geisteswissenschaften, über fast alles kann man innerhalb der Geschichte kontrovers diskutieren, nicht jedoch über die Plazierung der Ereignisse und Herrscher auf der Zeitskala. Etwa ab 1000 BC gilt diese als unumstößlich, quasi heilig.

Konsequenzen

Das heißt also nichts anderes, als dass unsere aktuelle Chronologie sehr fraglich ist. Die Antwort auf die Frage, wie genau, wie gut, die aktuelle Chronologie das trifft, was und wann wirklich geschehen ist, kann nur lauten: „Nicht gut!“. Aus diesem Scherbenhaufen der Kritik führt naturgemäß der Weg hin zum Versuch einer Erneuerung, einer Rekonstruktion der wirklichen Chronologie. Über weite Strecken äußert sich diese Rekonstruktion so, dass Phantomzeiten gestrichen werden müssen, Zeiten gekürzt und bekannte Geschichte im Prinzip erst mit dem Anfang des -1. Jahrtausend beginnt. Dagegen scheinen auf den ersten Blick naturwissenschaftliche Datierungsmethoden (C14, Dendrochronologie, usw.) zu sprechen, wie auch astronomische Berechnungen. In diesem Text werden wir nur kurz darauf eingehen (für Details siehe Naturwissenschaftliche Datierungsmethoden), aber wenn man die Grundlagen dieser Methoden im Detail analysiert, dann verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit erschreckend schnell.

Eine kurze Geschichte der Chronologie-Kritik

Wenig bekannt ist, dass die konventionelle Geschichtskonstruktion immer wieder von einzelnen angegriffen wurde, so z.B. recht früh in The Chronology of Ancient Kingdoms Amended (1728) von Isaac Newton. Ein anderer Kritiker aus dieser Zeit war Jean Hardouin (1646-1729). Im Gegensatz zu Newton trat er aber nicht einfach für eine Kürzung der Chronologie ein, sondern vertrat die Meinung, dass die Chronologie mehr oder minder vollständig gefälscht sei, und dass alle historischen Funde, seinen es Bücher, Berichte, Kunstwerke, Bodenfunde, etc., wesentlich jüngeren Datums, mithin falsch datiert oder Fälschungen seien.

Mit diesen ersten beiden Vertretern sind bereits die zwei grundsätzlichen Wege der Chronologie-Kritik aufgezeigt. Einerseits wird an der Struktur der Scaliger-Chronologie im Prinzip festgehalten. Es werden Kürzungen vorgenommen, Personen zusammengelegt und gestrichen, Fälschungen und Fehldatierungen aufgezeigt. Die zweite Schule stellt die Scaliger-Chronologie komplett in Frage und betrachtet sie als komplette Fälschung (sei es nun absichtlich oder nicht). Als Konsequenz dieser Sicht ist nicht mal im Prinzip bekannt, was vor dem 16. Jahrhundert geschehen ist.

Der wesentliche Vertreter der ersten Schule zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war Immanuel Velikovsky (1895-1979). Sein Ansatz basierte auf psychoanalytischen, katastrophistischen und archäologischen Ansätzen. Über diesen Weg spürte er Inkonsistenzen in den Chronologien zwischen Ägypten, Israel und Griechenland auf. Als Bibelfundamentalist stellte er jedoch die Chronologie der Bibel nicht in Frage, dennoch ist seine Arbeit wegweisend gewesen. In Folge seines Wirkens entstanden in (West-)Europa und Amerika Gruppen, die unterschiedliche Aspekte des Wirkens Velikovskys weiterentwickelten. Im englischen Sprachraum ist dieses mehr der katastrophistisch, mythische Aspekt, im Deutschen eher der chronologisch und anfänglich auch der psychoanalytische Aspekt.

In Deutschland war Gunnar Heinsohn 1978 der erste, der mit einem Artikel über die Thesen Velikovskys die soziologischen Fragestellungen aufgriff, erschienen im Freibeuter, einer in Berlin verlegten Vierteljahreszeitschrift für Kultur und Politik. In der Folge wurde 1982 der Verein GRMNG (Gesellschaft zur Rekonstruktion der Menschheits- und Naturgeschichte) gegründet, der sechs Jahre lang existierte. Zu den Gründungsmitgliedern der GRMNG gehörte auch Christoph Marx, der unter anderem zwei Bücher Velikovskys ins Deutsche übersetzte und in einem eigenen Verlag (P.A.F.) von 1982 bis 1988 sechzehn sogenannte Quarthefte für die GRMNG herausgab, auch GRMNG-Bulletins genannt. Veröffentlichungen wurden in Buchform im Eichborn Verlag bis 1991 fortgeführt und als eigenständige Zeitschrift „Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart“ im Mantis-Verlag, der von Heribert Illig gegründet wurde, einem der GRMNG Vereinsmitglieder. Seit 1989 trifft sich die Gruppierung in sogenannten Jahrestreffen zum direkten Austausch über chronologische Themen. 1995 wurde die Zeitschrift „Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart“ in „Zeitensprünge“ umgetauft, eine Konzentration auf chronologische Aspekte ist unübersehbar, Ägypten und Mesopotamien in der Anfangsphase, ab 1991 die Mittelalter-Phantomzeitthese.

Wesentliche Vertreter der zweiten Schule waren Anfang des 20. Jahunderts Robert Baldouf, Wilhelm Kammeyer und auch (mit Abstrichen) Nikolai Morozov. Seit 1973 führt Anatoly T. Fomenko mit einer Gruppe von Mitarbeitern in Moskau textkritische Analysen durch, die mit statistischen Mitteln gezeigt haben, dass es starke Ähnlichkeiten zwischen der aufgeschriebenen Geschichte unterschiedlicher Vöker zu unterschiedlichen Zeiten gibt, was den Fälschungsverdacht im Mittelalter nahelegt. Im deutschen Sprachraum wird diese Schiene, seit ihrem bekanntwerden ca. 1995, heute hauptsächlich durch Uwe Topper, Eugen Gabowitsch und Christoph Pfister vertreten.

Chronologie-Rekonstruktion

Von der Kritik führt der Weg zur Rekonstruktion, d.h. zu dem Versuch, herauszubekommen, was und wann wirklich etwas in unserer Vergangenheit geschehen ist. Es geht also letztlich darum, eine neue Chronologie zu erstellen.

Methoden der Chronologie-Erstellung

Welche Methoden zur Erstellung einer Chronologie gibt es?

Stratigraphie
Stratigraphie bedeutet Schichtschreibung. Vergangene Zeitalter haben Spuren im Boden hinterlassen, die schichtweise Zeiten zugeordnet werden können. Im wesentlichen beruht die Stratigraphie auf der Annahme, dass eine untere Aussgrabungsschicht ältere historische Phasen repräsentiert als die darüberliegende.
Typologie
Die Typologie beruht auf der Annahme einer zunehmenden Kunstfertigkeit bei der Herstellung von Artefakten, welche über Ähnlichkeiten (technische Merkmale, Form, Dekorationsstil) in eine zeitliche Abfolge gebracht werden.
Naturwissenschaftliche Datierung
Die naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden beruhen auf unterschiedlichsten technischen Verfahren, denen gemeinsam ist, dass sie eine Probe über ein messbares Merkmal in einen definierten Gesamtzusammenhang stellen und damit zeitlich einsortierbar machen. Bekannteste Beispiele dieser Methodik sind C14 und Dendrochronologie.
Historie
Die historische Methode beruht auf bestimmten literarischen Erzeugnissen, die eine Abfolge von Ereignissen in einen zeitlichen Kontext stellen.

Natürlich werden diese Methoden auch in Kombination verwendet, wobei es je nach Wissenschaftler und Fachgebiet Geschmackssache ist, welcher Methode im Fall von Konflikten (und die gibt es eigentlich immer) der Vortritt gelassen wird.

Relative Chronologie

Eine relative Chronologie kennt das Nacheinander von Geschehnissen, kennt aber weder deren absolute Daten noch die genauen Abstände zwischen Geschehnissen.

Typische Methoden der Erstellung einer relativen Chronologie sind Stratigraphie und Typologie. Die Stratigraphie bietet insgesamt die größte Sicherheit bei der Erstellung einer Chronologie, denn die Schichtenfolge einer Ausgrabung bietet ein klares Nacheinander. Störungen der Abfolge, z.B. durch Begräbnisse, Abfallgruben, oder ähnliches sind gut erkennbar.

Auch die Typologie bietet oftmals ein gutes Nacheinander, sie beruht aber auf der Annahme einer stetigen Zunahme der Fähigkeiten bei der Herstellung von Gegenständen. Unter normalen Umständen ist dieses eine durchaus akzeptable Annahme, jedoch können durch Katastrophen Wissen und Fertigkeiten verschwinden, die erst wieder erlernt werden müssen. Hier kann aber die Stratigraphie helfen, Katastrophen zu erkennen.

Querdatierungen sind über eine Kombination aus Stratigraphie und Typologie möglich, indem Funde einer anderen Kultur in den Schichten gefunden werden und damit über Identitäten mit anderen Funden und typologischen Vergleichen eingeordnet werden können.

Absolute Chronologie

Eine absolute Chronologie kennt absolute Daten der Geschehnisse in einer vorgegebenen Zeitrechnung, damit natürlich auch das relative Nacheinander. Aber die absolute Chronologie setzt höhere Maßstäbe an. Sie will die genauen Jahre möglichst zuverlässig kennen, in denen Geschehnisse abgelaufen sind. Aber ist das überhaupt möglich?

Um dieses leisten zu können, setzt die absolute Chronologie einerseits auf naturwissenschaftliche Datierungsmethoden, wie z.B. C14 oder Dendrochronologie. Diese Methoden und ihre Ergebnisse sind heutzutage allgemein anerkannt, aber wie sicher sind ihre Ergebnisse und wie sicher sind die methodischen Grundlagen? Es gibt erhebliche und begründete Zweifel an der generellen Einsetzbarkeit dieser Methoden und an der Genauigkeit ihrer Ergebnisse. Details dazu finden sich im Grundlagenartikel über naturwissenschaftliche Datierungsmethoden.

Andererseits verwendet man für die Erstellung einer absoluten Chronologie die historische Methode und damit literarische Erzeugnisse, Urkunden, etc. die Datierungen enthalten oder Kreuzverweise anderer Art, die eine genaue zeitliche Einordnung erlauben. Problematisch ist dabei insbesondere die leichte Fälschbarkeit von Urkunden und Geschichtswerken, Stichwort: „Siegerhistorie“ und ähnliches. Immer mehr Dokumente werden daher als Fälschungen erkannt. Das mindert den Wert dieser Methode erheblich.

Verweise auf Sonnenfinsternisse in historischen Dokumenten sind beliebte Möglichkeiten der Datierung historischer Texte, denn sie lassen sich nachrechnen und ergeben damit mögliche Zuordnungszeitpunkte für die Geschehnisse eines Textes. Aber auch hier muss man aufpassen, dass man nicht Fälschungen mit Rückrechnungen aufsitzt. Oftmals ist festzustellen, dass gerade die Angaben in mittelalterlichen Quellen nicht genau mit unseren Rückrechnungen übereinstimmen, die Abweichungen betragen Tage, Wochen oder sogar Jahre, sind in ihrer dargestellten Form an dem Ort so nicht sichtbar gewesen, usw. Andererseits sind gelegentlich historische Ereignisse über beschriebene Sonnenfinsternisse durch Rückrechnung erst datiert worden, was heute nicht mehr bekannt ist oder verdrängt wird. Heute neu durchgefürte Rückrechnungen bestätigen diese Datierung dann wundersamerweise. Abschließend ist zu sagen, dass oftmals mehrere Sonnenfinsternisse als Datierungsmöglichkeit bereitstehen, die getroffene Auswahl daher eher als zufällig bezeichnet werden muss.

Konsequenzen

Betrachtet man also, welche Möglichkeiten der Datierung wir haben und wie zuverlässig diese sind, dann bleibt eigentlich nur (und so unbefriedigend das zunächst ist) eine relative Chronologie, basierend auf der stratigraphischen Methode. Typologie ist ebenfalls noch gut geeignet, diese Ergebnisse abzustützen und zu erweitern. Erst danach und mit weitem Abstand und nur wenn sie den bisherigen Ergebnissen nicht widersprechen, kann man auch Ergebnisse der historischen Methode verwenden. Bisherige naturwissenschaftliche Methoden muss man aus methodischen Gründen ablehnen, ihre Gründung im Aktualismus macht sie für eine Betrachtung der Vergangenheit ungeeignet.

Es ist also Aufgabe der Archäologie endlich den Platz einzunehmen, der ihr gebührt. Sie braucht nicht nur Hilfswissenschaft zu sein, die nur dann verwendet wird, wenn es keine historischen Dokumente gibt, die dann zurücktreten muss, wenn ihre Ergebnisse den historischen Dokumenten widersprechen. Sie muss sich aber auch von dem Ziel trennen können, absolut datieren zu wollen und immer gleich die aktuelle Chronologie bei Datierungen im Hinterkopf zu haben. Was diese Chronologie wert ist, war ja oben zu sehen.

Man kann eigentlich nur von Vorne beginnen und aus gesicherten stratigraphischen Erkenntnissen eine neue relative Chronologie aufbauen. An dieser Chronologie müssen sich dann alle weiteren typologischen und historischen Erkenntnisse messen lassen.

Literatur

Albrecht, Gisela (1995) : „Livius und die frühe römische Republik“, in Zeitensprünge 7 (3) 222-246
Heinsohn, Gunnar (2001) : „Karl der Einfältige (898/911-923). Ist er mit Carolus-Münzen und KRLS-Monogrammen lediglich ein nichtswürdiger Imitator Großkarls oder liefert er das Urmuster für den Urimperator und die restlichen frühmittelalterlichen Karls-Kaiser?“ in Zeitensprünge 13 (4) 631-661
Heinsohn, Gunnar und Illig, Heribert (2001), Wann lebten die Pharaonen? Archäologische und technologische Grundlagen für eine Neuschreibung der Geschichte Ägyptens und der übrigen Welt, 4. Auflage, Gräfelfing
Heinsohn, Gunnar (1996) : Assyrerkönige gleich Perserherrscher! Die Assyrienfunde bestätigen das Achämenidenreich, Gräfelfing
Illig, Heribert und Siepe, Franz (2003) : „Probleme konventioneller Datierungsmethoden“, in Zeitensprünge 15 (2) 244-251
Illig, Heribert (2002) : Das erfundene Mittelalter. Hat Karl der Große je gelebt?, 6. Auflage, München
Illig, Heribert (1995) : „Rom bis Athen, was bleibt bestehen?“, in Zeitensprünge 7 (3) 269-287
Illig, Heribert (1994) : „Verliert Italien sogar drei ‚dark ages‘?“, in Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart 6 (3) 32-49
Peiser, Benny Josef (1993), Das Dunkle Zeitalter Olympias. Kritische Untersuchung der archäologischen und naturgeschichtlichen Probleme der griechischen Achsenzeit am Beispiel der antiken Olympischen Spiele, 1. Auflage, Frankfurt am Main

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Chronologie-Rekonstruktion

 

Wieso Chronologie-Rekonstruktion? Was gibt es da zu rekonstruieren? Ist da etwas zu kritisieren, zu reparieren, zu korrigieren an unserer Chronologie? Es gibt tatsächlich Menschen, die sich mit solchen Fragen beschäftigen und die diese Fragen mit einem entschiedenen „Ja!“ beantworten.

Indizien für Fehler in unserer Chronologie gibt es genug. Und wir reden hier nicht über Kleinkram. Es geht nicht um einige wenige Jahre, es geht in Summe um Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende.

Wie sehen nun diese Indizien aus? Am treffendsten formuliert wurde die Situation einmal im Untertitel eines Buches: „Bauten, Funde und Schriften im Widerstreit!“. Wenn man die Archäologie nicht als Hilfswissenschaft betrachtet, sondern ernst nimmt, dann zeigt sich, dass nahezu überall die Funde im Boden in irgendeiner Form im Widerspruch zu schriftlichen Überlieferungen stehen:

  • Die schriftliche Überlieferung erbringt Datierungen und erfordert Zeiträume, für die nicht genügend Funde vorliegen.
  • Die schriftliche Überlieferung fordert ein Zeitalter, aber es läßt sich im Boden nicht nachweisen.
  • Die schriftliche Überlieferung einer Kultur reißt in anderen Kulturen, die in Abhängigkeit zu dieser Überlieferung datiert wurden, dunkle Zeitalter auf, d.h. Zeitalter für die es vor Ort weder Überlieferungen noch Funde gibt, nicht einmal Hinweise auf vergangene Zeit.

Wer diesen Problemen systematisch nachgeht, der kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass etwas mit unserer etablierten Chronologie nicht in Ordnung ist.

Wesentliche Schauplätze dieser Verwerfungen in unserer Chronologie sind:

Ägypten
Die aktuelle ägyptische Chronologie wurde über Königslisten und astronomische Annahmen (Sothis) konstruiert und steht in einem erheblichen Widerspruch zur Fundsituation, technologischen und kulturellen Entwicklungen.
Mesopotamien
Die aktuelle Chronologie Mesopotamiens ist einerseits durch die ägyptische Chronologie, andererseits durch Bibel-Daten beeinflusst (Abraham-Datum). Dieses führte zu einer Aufspannung gewaltiger Zeiträume, die mit Imperien durch Vervielfachung tradierter Erzählungen aufgefüllt wurden. Natürlich ist die Fundsituation für diese Zeiträme zu gering und widerspricht zudem der Chronologie, denn oft gehen Schichten direkt ineinander über oder liegen direkt übereinander (ohne „sterile“ Zwischenschichten, die bei einer Besiedlungslücke zu erwarten wäre). Die aktuelle Chronologie setzt dagegen teilweise einen Abstand von mehreren hundert Jahren an.
Griechenland
Auch in Griechenland reißt die ägyptische Chronologie (durch Cross-Dating) tiefe Lücken in die Zeitabläufe. Für das dunkle Zeitalter Griechenlands gibt es keine Anzeichen im Boden (keine Anzeichen einer Besiedlungslücke) und man fragt sich, wie die beobachtete Kultur- und Technikkontinuität möglich ist. Auch die olympische Zeitrechnung muss bezweifelt werden.
Italien
Die italienische Geschichte enthält ebenfalls einige dunkle Zeitalter, besonders die Zeit der ersten Republik scheint betroffen. Kronzeuge ist wieder die bestechende Fundarmut.
Das frühe Mittelalter
Hier gibt es unterschiedliche Ansätze. Eine Gruppe hält die Geschichte des gesamten Mittelalter vor ca. 1600 für komplett erfunden, die anderen sehen konserativer nur einen Teil dieses Zeitraumes als fiktiv an. Dieser Bereich der Chronologie-Kritik hat sicherlich die größte publizistische Aufwerksamkeit (und demzufolge auch Gegenargumente) erhalten, bewegt er sich doch in einem für „sicher“ gehaltenen Zeitabschnitt und trifft unter anderem „Lichtgestalten“ wie Karl den Großen, die aus der Geschichte gestrichen werden müssen. Zentrales Argument ist auch hier wieder die bau- und kunsthistorische Entwicklung, sowie die erbärmliche archäologische Fundsituation, die anscheinend in einem eklatanten Widerspruch zu Berichten und Urkunden steht. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Urkunden und Berichte hat sich jedoch inzwischen (auch nach herrschender Lehre) als Fälschungen und Fabrikationen späterer Zeiten erwiesen und für den verbliebenen Rest scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Auch mit astronomischen Argumenten (Daten von Sonnenfinsternissen, Daten in Sternenkatalogen) ist der Zeitkürzungsthese (297 Jahre) im frühen Mittelalter bisher nicht beizukommen gewesen. Im Gegenteil, die Anzahl der Tage, um die Papst Gregor 1582 den Kalender korrigierte (ungenaue Schalttagsregelung seit Julius Caesar), um den kalendarischen Frühlingsanfang mit dem astronomischen wieder in Einklang zu bringen (10 Tage statt der eigentlich zu erwartenden 13), spricht für ca. 300 Jahre zuviel in unserer Zeitrechnung. Dieser Zeitraum von ca. 300 Jahren zuviel in der christlichen Zeitrechnung (ob nun absichtlich geschehen oder unabsichtlich) ist auch in den Chronologien angrenzender Kulturen sichtbar. Typische Hinweise sind erfundene Geschichte, vervielfachte Herrscher, unnatürlich lange Regierungszeiten bei fehlender archäologischer Nachweisbarkeit.

Wenn man den archäologischen Funden Präferenz einräumt gegenüber Berichten, Urkunden und Erzählungen, dann ergibt sich eine wesentlich straffere Chronologie, deren Entwicklung und Rekonstruktion hier dargestellt werden soll.

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